An den Rändern
Ankünfte
Ankünfte
13. Mai a.D. 2012, Moskau
Sonntag. Liturgie im Sretenski-Kloster mit Penelope, Beichte und Kommunion. Noch immer befinde ich mich stark unter dem Eindruck des "Faust".
In Ostaschkow habe ich ein Heiliges geschaut, das mich verpflichtet: Die Kunde vom göttlichen Leben klappert lauter in meinem Tornister, wenn ich durch die megaurbanen Räume ziehe.
12. Mai a.D. 2012, Moskau
In der Metro erfahre ich die Versuchungen des heiligen Antonius nach Hieronimus Bosch. Im schallenden Jaulen zerren mich asiatisch durchtriebene Geiergesichter und geiler Weiber schamlos präsentierte Brüste vom stillen Altar des Herzens fort, entweihen mein Empfinden aufs Schändlichste und schleifen mich hurtig über den schmutzigen Kunststoffboden des Waggons zur Lubjanka, wo ich schließlich meiner Habseligkeiten beraubt zur Besinnung komme. O Herr, welch grausige Stadt...
Abends mit Penelope im Theater. Beide Teile des Faust in einer Aufführung. Reflexion auf die eigene Situation: Morgen, ja morgen schon könnte ich die durchfaulten Kompromisse zum Schutt werfen. Ich bin bereit.
11. Mai a.D. 2012, Moskau
In der Arbeit verspüre ich Leere; alle Energie hat mich verlassen und es ist eine Lähmung eingetreten. Kein greifbarer Sinn. Und der Körper, dieser Bileamsesel, sagt stur: “Ich will nicht“.
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Mit Gravit im botanischen Garten. Beide sind wir heute ausgelaugt und das Gespräch kommt erst langsam in Gang, als wir für einige Zeit den grünenden Frühling einatmen. Wir durchwandern Meere von Tulpen und gelangen schießlich in die Abteilung "Nadelbäume": Kiefern, Fichten, Tannen, Lärchen und sogar Latschenkiefer - wie in den Tiroler Bergen, als ich Vater auf so manchen Gipfel begleitet habe. Hinter der Brücke blüht der Flieder und betört uns mit seinem Duft. Wir sitzen an einem Teich aus dem 18. Jahrhundert, in dem lustige Kaiserfische und Schildkröten schwimmen. Enten watscheln vor uns gemächlich ins Wasser. In der Mitte des Gartens steht eine Eiche, die sein einstmaliger Direktor Georg Franz Hoffmann vor zweihundert Jahren aus Deutschland mitgebracht hat. Dieser war Professor in Göttingen gewesen und legte den Grundstein für das Herbarium der Moskauer Universität.
Die Marmorklippen schmücken das äußere Bild mit inneren Blüten. Reines Verlangen nach Lektüre; es ist so wie mit der Sehnsucht nach dem Körper des Mädchens. Eine Inhalation ätherischer Substanzen.
Im Café des botanischen Gartens gibt es heute Schaschlik und Chatschapuri, eine Spezialität der georgischen Küche. Selige Stunden mit Gravit, diesem seltsamen Mann.
9. Mai a.D. 2012, Moskau
Mit der Kräuterfrau über Wahrhaftigkeit und
den seelischen Kompaß. Luther am Reichstag: Da steht ein Mensch in Verbindung
mit seinem Grund. Frankl und Schneider hätten sich herzlich über diese Szene gefreut. Wenn eine
israelische Autorin dieser Tage in der FAZ erklärt, daß der Mensch durch die moderne Vielfalt natürlicherweise unfähig wird, den rechten Lebenspartner zu wählen und man es daher auch wohl besser gar nicht von ihm verlangen möge, dann verkennt oder leugnet sie den
substantiellen Kern des Menschen. Eindeutige Agitation der widermenschlichen
Mächte. Hier gibt es keine Neutralität mehr; wer Mensch ist, muß da Schild und
Rüstung bereiten, Hieb- und Stichwaffe von den Wänden nehmen und ins Feld
ziehen. Die Kunst bereite den Boden, um den Schattentreidlern entgegenzuziehen. Nur Geist und Blut lösen die blaßgesichtige Besessenheit des ziellosen Wanderers und schlagen seine Wurzeln in die Tiefe der Erde hinab.
8. Mai a.D. 2012, Ostaschkow
In der Kirche treffe ich wieder den
kindlichen Dirigenten an und schenke ihm meine „Salus Populi Romani“. Da wird sie in guten Händen sein. „Das ist die Beschützerin der Stadt Petri und
Pauli.“
Mit Gravit sehe ich mir den Film „Der Pope“
an, in dem es um die Pskower orthodoxe Mission zur Zeit der deutschen Besatzung
im zweiten großen Kriege geht. Starke Szenen von der Kraft und Schönheit der Ehe, von gegenseitiger Aufopferung. Immer wieder erglüht der orthodoxe Glaube zu einer
wärmenden Liebe, deren Gegenstück die hohe Bildung in der katholischen
Hemisphäre ist.
Aus den Studien über Schneider: Ein Menschsein,
das wahrhaftig, extrem, radikal ist, wirkt über sich hinaus. Seraphim von
Sarow: „Wer seine Seele bewahrt, rettet tausend um sich herum.“ Vater Irinej
schlägt vor, die Spiritualität um die
persönliche Grundtugend herum zu entwickeln: Was ist meine Grundbegabung? Da
haben wir das Fundament und bauen ein wohlgestaltetes Haus darauf. Die Kerntugend ist damit auch jene Seite, die erstrangig entwickelt werden soll, weil
alles auf ihr fußt.
In der Bahnhofshalle von Ostaschkow; bis
zur Abfahrt des Zuges verbleibt noch eine Stunde. Der verspätete Taxifahrer
entschuldigte sich, indem er auf die Tachouhr seines alten Mercedes zeigte und
meinte: „Nun hat mich doch wirklich die deutsche Technik irregeführt.“ Laut
Tachouhr wäre er pünktlich gekommen. Ich ertappe mich beim Gedanken, daß der
Fahrer sie selbst zurückgedreht hat, um sich eine Ausrede zu verschaffen. Warum
sollte ich seinen Worten auch Vertrauen schenken? Man gewöhnt sich in diesem von Betrug verseuchten
Land an, nur mehr an den Eigennutz des Gegenübers zu glauben. Dieser Teufel sitzt an jeder Straßenecke,
unter Bürostühlen, auf Telefonhörern. Kürzlich erzählte mir der Energetiker
einer großen Fabrik, daß nach dem Beschluß von Gesetzen zur Energieeffizienz und
Umweltverträglichkeit stets intern die Frage geklärt wird, ob die Geldstrafe für
den Gesetzesbruch nicht günstiger käme als die Umsetzung der gesetzlichen Maßnahmen. So ist
es dann auch meistens: Man atmet auf und zahlt.
Das Gegenstück zu diesem niedrigen spermatozoiden
Verhalten ist ein Adelsethos, welches Ehre, Selbstverpflichtung und
Verantwortung für das Ganze auf seine Fahnen schreibt. Zu dieser Haltung
heranzureifen ist uns aufgegeben, um mystisch beseelt zu leben und einst eine
himmlische Krönung zu empfangen.
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Nach langer Zeit habe ich in Ostaschkow
wieder das Lied von Rußland vernommen, mit dem mich der Daimon hierher berufen
hat, eine verzehrende Liebe: Hier ist mein Ort, all meine Freiheit und Fülle
des Lebens.7. Mai a.D. 2012, Ostaschkow
Morgengottesdienst im Zhitennyi-Kloster mit Vater Andrej und einer jungen Schwester, die zugleich der Chor ist. Auf einem abgeschrägten Schrank hat sie sieben liturgische Bücher vor sich liegen und entsiegelt mit klarer Stimme die Geheimnisse des heutigen Festes, bis sich auch Emanuel zu ihr begibt und einstimmt.
Im Ostfenster des Altarraumes steht die Sonne und strahlt Licht auf den See, der es tausendfach gespiegelt in den Kirchenraum wirft. Leicht bewegt der Wind die Äste und Blätter der Uferbäume. Während der Gesang den Raum erfüllt, kräuselt sich Weihrauch am Altar empor und der Priester legt seine Hand sanft auf das Meßbuch, welches in sphärische Strahlung getaucht ist. Nur die Unebenheiten des Papiers zeugen leichte Schatten. Zischend und knackend brennen die vielen Honigwachskerzen auf goldenen Ständern herab, vor allem bei der Smolensker Gottesgebärerin, die unter einem Baldachin dem Altarraum gegenübersteht. Die priesterlichen Gewänder und der Opfertisch erscheinen in köstlichem Rot, das an Leuchtkraft zunimmt. Erfüllt das Kunstwerk seine Bestimmung schon im Akt der Schöpfung, so ist auch die Wirksamkeit der heiligen Mysterien nicht dem Beiwohnen der Vielen unterworfen.
Im Ostfenster des Altarraumes steht die Sonne und strahlt Licht auf den See, der es tausendfach gespiegelt in den Kirchenraum wirft. Leicht bewegt der Wind die Äste und Blätter der Uferbäume. Während der Gesang den Raum erfüllt, kräuselt sich Weihrauch am Altar empor und der Priester legt seine Hand sanft auf das Meßbuch, welches in sphärische Strahlung getaucht ist. Nur die Unebenheiten des Papiers zeugen leichte Schatten. Zischend und knackend brennen die vielen Honigwachskerzen auf goldenen Ständern herab, vor allem bei der Smolensker Gottesgebärerin, die unter einem Baldachin dem Altarraum gegenübersteht. Die priesterlichen Gewänder und der Opfertisch erscheinen in köstlichem Rot, das an Leuchtkraft zunimmt. Erfüllt das Kunstwerk seine Bestimmung schon im Akt der Schöpfung, so ist auch die Wirksamkeit der heiligen Mysterien nicht dem Beiwohnen der Vielen unterworfen.
Hunderttausende sind es, die diesem Land kirchliches Leben schenken und bei aller Unvollkommenheit existiert darin das Urgeheimnis, das Sein. Die Kirche steht, die Nonne betet, der Priester zelebriert die Liturgie - hier ist unser Schatz, hier ist unser Leben.
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Eine Pilgergruppe aus Petersburg ist angekommen und ich werde eingeladen, mit ihnen "unter die Ikone zu gehen". Am Klostertor stehen dazu zwei Männer, die eine große Ikone der Gottesmutter halten, während die Gläubigen, einer nach dem anderen, herantreten, das ehrwürdige Bild küssen und dann unter ihm durchschlüpfen. Ein Ritus der Neugeburt, der Eintritt in eine andere Welt. So verhält es sich auch mit der Birkenallee, welche über die Landenge auf die breite Klosterhalbinsel führt.
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Auf dem Glockenturm der Dreiheitskirche eröffnet sich ein weiter Ausblick auf Stadt, See und Klitschen-Insel. Die großzügigen Grundrisse von Dreiheits- und Auferstehungskirche lassen sich gut einsehen. Prächtige, barocke Bauten in unmittelbarer Nachbarschaft, was sich dadurch erklärt, daß Ostaschkow im 17. Jahrhundert zwei Besitzer hatte: das Kloster Wolokolamsk und den Moskauer Patriarchen. Als Wolokolamsk baulich vorlegte, mochte das Patriarchat nicht zurückbleiben. Selbst in solchen Streiflichtern wird die Tragik der Macht offenbar.
Wir besuchen das Museum für Geschichte der Seliger-Region. Schöne Rekonstruktionen: Eine Kurgan-Bestattung mit weiblichem Skelett, eine altrussische Bauernstube und das Innere einer historischen Schmiedewerkstatt. In der Glasvitrine steht ein steinernes Wegkreuz, ähnlich den irischen, welches an das Scheitern Batu Khans bei seinem Nowgorod-Feldzug erinnert. Der Mongole war in den Sümpfen nördlich des Seligers stecken geblieben und ließ schließlich von Nowgorod ab, das den asiatischen Reitern für immer unerreichbar bleiben sollte, obwohl sie wenige Jahre danach bis Wiener Neustadt und an die Adria vordrangen. Kreuze dieser Art wurden auch an Herrschaftsgrenzen und Übergängen zwischen Wasserwegen aufgestellt, wo man die Schiffe auf Baumstämmen rollte. So durchwebt das Überirdische besonders deutlich an den Grenz- und Scheidepunkten das Menschenleben.
Auch alte Theaterplakate finden sich im Museum, so etwa vom 29. Dezember 1896: Gribojedows "Verstand schafft Leiden" wird in Ostaschkow aufgeführt.
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Mit dem Schiff zum Kloster des heiligen Nil, welches auf einer kleinen Inel im See gelegen ist. 27 Jahre hat der Heilige hier als Einsiedler gelebt, davon 23 als Immerstehender: "Zu Deiner Ehre, Herr, will ich nicht mehr sitzen noch liegen, sondern vor Dir stehen, bis Du in Dein Reich mich berufst." Zur Erfüllung des Gelübdes fertigte sich Nil hölzerne Stützen, die er wie Krücken benützte, um im Schlaf nicht umzufallen.
Schöne Legenden über den Heiligen: Bösewichte legen ein Feuer im Wald, der die Hütte Nils umgibt, doch dieser löscht es betend mithilfe eines Bildes der Gottesmutter. Einbrecher stürmen die Zelle und erblinden vor der Ikone; Nil verhilt ihnen dazu, wieder sehend zu werden. Da in den Legenden tiefmenschliches Innen und Außen synchron zusammenfinden, erlangen sie überzeitliche Bedeutung. Kinder vermögen das leicht zu entziffern.
Als im Jahr 1554 schließlich der Bräutigam kam, fand er Nil wachend und mit gefüllter Lampe vor. In Vorausschau des Todes hatte der Heilige Grab und Sarg schon vorbereitet. Es ist wohl die höchste Autonomie, zu der ein Mensch fähig ist, hier verwirklicht worden, ein Menschentum, das unverletzlich geworden ist gegenüber den Mächten dieser Welt. Es ist dabei dennoch im Sinn zu bewahren, daß in solchem Leben Opfer und Privilegium untrennbar vermischt sind.
Die Einsiedelei hat sich mittlerweile in ein durchorganisiertes Großkloster verwnadelt, das architektonisch dem 19. Jahrhundert angehört. Mit Gravit halten wir Andacht am Reliquienschrein, entzünden Kerzen, verneigen uns und küssen den Heiligen.
Im Buchladen entdecke ich Pawel Ewdokimovs "Etappen des geistlichen Lebens". Es ist nicht nötig zu suchen, man findet zueinander.
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"Wir arbeiten rasch genug, wenn wir gut arbeiten." (Franz von Sales)
"In diesem Moment hast du alles, was zur Glückseligkeit benötigt wird."
"Was ist der Sinn des Lebens? - Das, was ich jetzt tue."
6. Mai a.D. 2012, Ostaschkow
Um halb sechs Uhr ist es mit dem Schlaf zu Ende und ich begebe ich zum See, wo der glühende Sonnenball die Welt in sein strahlendes Licht taucht. An der Insel Schattenseite branden dagegen die kühlen Wellen nüchtern an das sandige Ufer. Gebet und Versuche der Demut. Charis gesellt sich in Gestalt einer dunkelgrauen Katze zu mir, umwirbt mich heftig, läßt sich streicheln und legt sich zu mir. Lange sitzen wir so schweigend beisammen und wärmen einander.
Das Seidenmeer begehrt zu dienen,
Die Erde fleht den Himmel an.
Hinter Fluchten ist die Welt erschienen:
Verweile, hier wird recht getan.
Gottesdienst in der kleinen Klosterkirche, die aus Katharinas der Großen Tagen auf uns gekommen ist. Vater Andrej aus dem Kloster des heiligen Nil zelebriert, die Äbtissin steht im Kirchenraum beim Volk. Die Atmosphäre ist dörflich und voller Wohlwollen. Kinder der Sonntagsschule sind in ihren einheitlichen Gewändern anwesend: Die Mädchen in grauen Kleidern und mit weißen Kopftüchern, die Buben in weißen Hemden unter schwarzen, ärmellosen Pullovern. Der Altarraum ist durch das Ostfenster vom See her gleißend hell erleuchtet und aus der Kaisertüre der Ikonostase dringt sich das Licht in den Kirchenraum. Zum Gesang des Symbolons tritt ein etwa neunjähriger Bub aus den Reihen des Chors hervor und dirigiert das Volk. Durch seine geistvollen Augen und segensvoll bedeutenden Hand erscheint Christus Emanuel. Derweilen sitzt am Fenster ein Bursche von sechzehn Jahren, dem die Blödheit an den orientierungslosen, doch gutmütigen Augen und seinen ungelenken Bewegungen deutlich anzusehen ist. Schon nimmt es eines der alten Betweiber auf sich, ihn dafür zu rügen, daß er beim Gebet nicht stehe. Sie vermag es nicht, den Sitzenden zu bewegen, und so tritt die Äbtissin heran, welche die die Wirrung kraft ihrer Autorität auflöst. Das Traditionsgut der Kirche, Formen und Zeichen, haben keinen Anspruch auf Unbedingtheit, doch hat ihn die Bewahrung des Gemeinsamen. Keiner ist alles, ohne die Einzelnen aber gäbe es das Ganze nicht.
Vor mir wartet ein dickes Betweib auf die Beichte und stützt sich tiefgebeugt mit schweren Seufzern auf ihre beiden Krücken. Was leidet das kranke Gebein, welche Demut läßt sie unter der Last ihres schmerzenden Körpers aushalten? Was muß ich armer Abenteurer unternehmen, um je so nahe an den Tisch des Herrn zu gelangen wie diese?
Was, Mutter, du um meinetwillen,
Getragen und verwandelt hast,
Woraus mir heute Gnaden quillen,
Ist meiner Schuld versöhnte Last.
Nach der Beichte umarmt mich der Priester und wir küssen einander dreifach: Heute ging der Sohn verloren, heute ist der Sünder errettet.
Die Festprozession zum Georgstag umschreitet das Kloster, wobei der Priester viermal innehält, um in alle Himmelsrichtungen zu verkünden "Christ ist auferstanden!", worauf das Volk ihm stellvertretend für die Schöpfung antwortet: "Er ist wahrhaft auferstanden!" Es geht also tatsächlich von diesem Kloster das Heil aus.
1947 wurden etwa hundertfünzig deutsche Raketeningenieure gemeinsam mit ihren Familien hierher gebracht, um die sowjetische Militärtechnik und Raumfahrtpläne durch ihre Arbeit zu fördern. Dabei sollten sie das in den Kriegsjahren erworbene Wissen weitergeben. Es war den Sowjets einst sehr daran gelegen, auch Wernher von Braun in diesem Kreis zu sehen, doch hatte sich dieser bereits anders entschieden. Das Forschungszentrum Gorodomlja war völlig von der Außenwelt abgeschottet: Stacheldraht und Patrouillenboote, welche die Insel umkreisten, versuchten höchste Geheimhaltung zu garantieren. Vereinzelt wurden kontrollierte Gruppenausflüge für die Deutschen organisiert, etwa zu Theaterbesuchen ins zwölf Stunden entfernte Moskau. Bis 1951 arbeiteten die Raketeningenieure am Seliger, dann wurden sie in die DDR zurückgeschickt. Ihre sowjetischen Kollegen sollen in den Jahren der Zusammenarbeit wertvolles Wissen rezipiert haben. Bis zum heutigen Tag befindet sich in Gorodomlja ein geheimer Staatsbetrieb, dessen Mitarbeiter in einer Siedlung mit etwa 2000 Einwohnern leben.
Nach unserer Ankunft stellen wir fest, daß der Stacheldraht noch immer existiert und nur ein Passierschein den Weg ins Innere der Insel eröffnet. Kaum einer weist jedoch den Passierschein vor; man kennt einander. Gravit und ich werden aufgehalten und unsere Verhandlungen mit dem Sicherheitspersonal bleiben ohne Erfolg. So verbringen wir eine Stunde am Sandstrand der Insel und kehren mit der nächsten Fähre zurück.
An der Schiffsanlegestelle erkundigen wir uns nach dem morgigen Wetter und eine freundliche Dame erklärt, daß nur "Seliger Seligerowitsch" selbst genau bescheid wisse. Man müßte diese Anrede mit Vor- und Vatersnamen als "der gnädige Herr Seliger" übersetzen. Ein schöner heidnischer Zug, diese Personifikation von Naturgewalten. Ich stelle mir Seliger Seligerowitsch schließlich als würdigen, alten Poseidon vor, mächtig und bisweilen launisch.
Abends geben wir uns am See bei einer Flasche Wein der Dämmerung hin und erwarten den Sternenhimmel. Als die Lichter am Firnament aufgehen, hüllt sich das Kloster ins Dunkel. Welche Zeit, in die wir gestellt sind! Welche Freiheit vor Gott... Womöglich ist es doch die beste aller Zeiten.
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Nach Mittag fahren Gravit und ich nach Gorodomlja. Nur eine Fähre, die am Möwenufer anlegt, verbindet das Festland mit dieser Insel. Etwa eine halbe Stunde dauert die Überfahrt zu dem Ort, wohin sich früher die alten Mönche aus dem Kloster des heiligen Nil zum Sterben begaben. Auch der Maler Schischkin hielt sich in den Kiefernwäldern Gorodomljas auf und hinterließ zwei bekannte Bilder. Eines davon ist der "Morgen im Pinienwald".1947 wurden etwa hundertfünzig deutsche Raketeningenieure gemeinsam mit ihren Familien hierher gebracht, um die sowjetische Militärtechnik und Raumfahrtpläne durch ihre Arbeit zu fördern. Dabei sollten sie das in den Kriegsjahren erworbene Wissen weitergeben. Es war den Sowjets einst sehr daran gelegen, auch Wernher von Braun in diesem Kreis zu sehen, doch hatte sich dieser bereits anders entschieden. Das Forschungszentrum Gorodomlja war völlig von der Außenwelt abgeschottet: Stacheldraht und Patrouillenboote, welche die Insel umkreisten, versuchten höchste Geheimhaltung zu garantieren. Vereinzelt wurden kontrollierte Gruppenausflüge für die Deutschen organisiert, etwa zu Theaterbesuchen ins zwölf Stunden entfernte Moskau. Bis 1951 arbeiteten die Raketeningenieure am Seliger, dann wurden sie in die DDR zurückgeschickt. Ihre sowjetischen Kollegen sollen in den Jahren der Zusammenarbeit wertvolles Wissen rezipiert haben. Bis zum heutigen Tag befindet sich in Gorodomlja ein geheimer Staatsbetrieb, dessen Mitarbeiter in einer Siedlung mit etwa 2000 Einwohnern leben.
Nach unserer Ankunft stellen wir fest, daß der Stacheldraht noch immer existiert und nur ein Passierschein den Weg ins Innere der Insel eröffnet. Kaum einer weist jedoch den Passierschein vor; man kennt einander. Gravit und ich werden aufgehalten und unsere Verhandlungen mit dem Sicherheitspersonal bleiben ohne Erfolg. So verbringen wir eine Stunde am Sandstrand der Insel und kehren mit der nächsten Fähre zurück.
An der Schiffsanlegestelle erkundigen wir uns nach dem morgigen Wetter und eine freundliche Dame erklärt, daß nur "Seliger Seligerowitsch" selbst genau bescheid wisse. Man müßte diese Anrede mit Vor- und Vatersnamen als "der gnädige Herr Seliger" übersetzen. Ein schöner heidnischer Zug, diese Personifikation von Naturgewalten. Ich stelle mir Seliger Seligerowitsch schließlich als würdigen, alten Poseidon vor, mächtig und bisweilen launisch.
Abends geben wir uns am See bei einer Flasche Wein der Dämmerung hin und erwarten den Sternenhimmel. Als die Lichter am Firnament aufgehen, hüllt sich das Kloster ins Dunkel. Welche Zeit, in die wir gestellt sind! Welche Freiheit vor Gott... Womöglich ist es doch die beste aller Zeiten.
5. Mai a.D. 2012, Ostaschkow
Ostaschkow am Seliger-See. Diese kleine Stadt hat im Wesentlichen ihren alten russischen Charakter bewahrt. Im Zentrum durchwegs Bauten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, dazu die neueren Holzhäuser im bunten russischen Stil. Ebenso gibt es nicht wenige Gebäude mit steinernem Erd- und hölzernem Obergeschoß. Man ist gleichsam in die Welt eines Puschkin, Dostojewski oder auch Bulgakow versetzt. So haben sie Rußlands Städte gesehen.
Noch immer dehnt sich die Zeit aus. Wir wandern zum Zhitennyi-Frauenkloster auf der Halbinsel vor Ostaschkow. Von weitem wird seine Kirche mit dem einfachen Turm als der Ruhepunkt sichtbar, auf dem die Welt hier gegründet ist. See und Himmel wallen im Streit der Elemente, auch die grüne Natur beugt sich dem Wind, ist stets im Werden und Vergehen gefangen. Die Klosterkirche hingegen ist als Mittelpunkt gesetzt, der den Himmel ins Ewige durchsticht und alle Gnaden auf die Welt herabzieht. Die ehrwürdigen Schwestern bewahren hier die Feuersäule mit dem Brandopfer ihres eigenen Leibes, mit der Hingabe ihres einzigen Lebens. Womöglich soll jede Gegend, jede Stadt, jedes Land seine Mitte des Universums haben, so wie die Nationen ihre je eigenen Heiligen verehren, in denen sich das eine Göttliche konkret ausformt.
Vom Klostergelände aus führt eine Brücke zur Insel Klitschen, welche seit sechstausend Jahren Menschen trägt. Möwen jagen im See, blitzschnell stechen sie ins Wasser, um Fischchen davonzutragen. Die Angler aber sitzen hier Stunde um Stunde am Wasser und lassen den Köder baumeln, bis die Beute sich selbst in den Tod beißt. Mit Gravit sehe ich Birken, Weiden, Erlen und Kiefern hier langsam wachsen.
Nach dem Mittagessen beginne ich die Arbeit an einem kleinen Aufsatz über Reinhold Schneider. Wer hat die Tragik christlichen Daseins so stark erlebt wie er, wer die Große Hoffnung, von der er bisweilen zu singen anhebt? Wie traurig, daß Schneider so wenig Lebensfeuer und Begeisterung geschenkt war! Er bleibt der Tröster für die dunkelsten Stunden.
Spaziergang zu den zwei Kirchen im Ortsinneren von Ostaschkow. Seltsam, daß sie direkt nebeneinander gebaut sind, wobei jede ihren eigenen Glockenturm hat. Eindeutig barocke Formen aus der Zeit Peters des Großen. Die großzügigen Anlagen sprechen von einer ins Gestern versunkenen, einstmals reichen Handelsstadt.
Den Abend verbringen wir am See. Sonnenuntergang und Aufgang der Sterne, bis auch der glühende Vollmond am Himmel steht. In die stille Dunkelheit hinein fragt Gravit: "Was fürchtest du am meisten, Mensch?" Da wächst uns der Mut zur Wahrhaftigkeit und deutlich erhebt sich vor den Augen das Bild der Hure Babylon. Sie speist dich aus ihren prallen Brüsten mit süßem Wasser, bezahlen mußt du mit dem vollen Leben.
Es ist Mitternacht geworden, Zeit ins Haus zu treten, das nun Ruhe gefunden hat.
4. Mai a.D. 2012, Moskau/Ostaschkow
Mit einem Fluggerät nach Finnland, wo wir auf dem Gelände einer Fabrik landen, die Lampen und Leuchtgeräte herstellt. In den vergangenen Wochen nimmt die Zahl der technischen und produzierenden Träume zu. Nach dem Erwachen fällt mein Blick auf die Zimmerwand, welche darauf vom Licht des Sonnenaufganges erglüht.
Was steht einem Mann zu tun an, wenn ihn eine einsame Frau im späten Alter um ein Kind, ihr erstes, bittet? An solchen Weggabelungen steht man womöglich in der Verantwortung für eine Reihe von Generationen. Und doch wird ein Bastard gezeugt, den die vielen zum Stammvater haben werden. Wer hat keinen solchen in seiner Ahnenreihe vorzuweisen? Es würde mich reizen, eine Geschichte der gesegneten Bastarde schreiben. Juan d´Austria, Leonardo, Erasmus von Rotterdam... Zur Krönung: König Salomon.
In der Firma steht ein Tender für ANM ab. Bis zwölf Uhr müssen alle Dokumente beim potentiellen Kunden sein. Es setzt ein heftiges Treiben ein, in dem niemand mehr Erwägungen über die prinzipielle Sinnhaftigkeit anstellt. Bis dahin undenkbare Verrenkungen, Beschönigungen und Verzögerungstaktiken kommen zum Einsatz. Ein einziges Ziel regiert die Welt um uns. Schon verstrickt man sich in Lügen gegenüber einem Partner, mit dem man noch gestern Vertrauen aufgebaut hat. Es folgen Drohungen des Umworbenen, der ankündigt, uns auf die schwarze Liste jener Unternehmen zu setzen, bei denen nie wieder gekauft werden wird.
Freilich kann man sich von solchen Fällen mit psychischer Disziplin bald distanzieren. Es bleibt jedoch, daß man sich mit einem Rückgrat aus Gummi durch die Welt bewgt, jederzeit bereit, aufs neue sich zu biegen, wohin der Wind es sich ausgedacht hat. Bösartige Erinnerung an Körbe, die die NSDAP bekommen hat: "Warum sechzigtausend Idioten vertreten, wenn ich ein gutes Gedicht schreiben kann?" Jugendlicher Eskapismus. Ich sitze hingegen am Mikroskop, vermesse, seziere und beobachte, nicht um zu überwinden, sondern um zu durchdringen.
Zu Mittag befällt mich beim Anblick einer Plastikflasche starker Ekel. In diesem Gegenstand konzentriert sich der Geist des heutigen Tages. Früher hatte man seine eigenen Glasflaschen, in denen die Milch vom Bauern geholt wurde. Sie waren aus stabilem Buntglas gemacht. War die Milch aufgebraucht, so wurden die Flaschen gewaschen und neu befüllt. So ging es jahrelang, möglicherweise jahrzehntelang, doch das weiß ich nicht; ich wurde zu spät geboren.
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Fahrt in den Nordwesten. Sobald der Zug die Stadt verläßt, dehnt sich die Zeit aus und nimmt eine andere Form an. Für die städtische Zeit müßte man ein digitales Format annehmen, hier jedoch ist der Raum eines analog-zyklischen Bewußtseins. Vielleicht schmelzen die Uhren auch wie bei Dali. Je ferner, desto näher. Durch das Zugfenster nehme ich lange die Wälder in mich auf. Aus dem Grünbraun recken sich die von der Sonne feurig glänzenden Birkenstämme spitz ins Abendblau des Himmels. Vor Twer ein See, der als Scheibe im All zu schweben scheint. Seidene, leichte Wellen ziehen sich, von einem Waldkranz umgeben, zum weiten Horizont. Diese Szenen muten ich wie die Genesung von einer lebenslangen Erblindung an.
Mit Gravit über den Unterschied zwischen "guljat´", "spazieren" und "guljanie", das russische Trinkgelage. Das erste bringe Ruhe, sagt Gravit, das zweite Lust und Vergnügen. Der etymologische Zusammenhang habe jedoch seinen verborgenen Sinn.
Im Großraum-Schlafwaggon der günstigsten Kategorie sind wir am rechten Platz. Von Zeit zu Zeit bringen wir der Mutter Heimat Rauchopfer in den Zwischenräumen der Waggons. Beim Aufenthalt in Lichoslawl wage ich einen Erkundungsgang über das Bahnhofsgelände hinaus, während Gravit bereitsteht, die Weiterfahrt des Zuges zu blockieren. Wie er das im Ernstfall gemacht hätte, kann ich mir noch immer nicht vorstellen. Die Ausbeute sind schließlich zwei Flaschen kalten Biers, deren Genuß wir nach russischer Tradition mit mehreren Trinksprüchen zelebrieren.
Später fragt mich Gravit: "Du wolltest dich also gegen die Schönheit wappnen?"
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